Provence

Wilfrid Perraudin – Mas de Provence 1981 – 75x120 cm – Ölfarbe auf Leinwand Ref.-Nr. 2864
Wilfrid Perraudin – Mas de Provence 1981 – 75x120 cm – Ölfarbe auf Leinwand – Ref.-Nr. 2864  (Im Nachlass, unverkäuflich)

DIE ESSENZ DER NATUR

Ausschnitt aus der Kritik der Badischen Zeitung vom 29.07.1987
anlässlich der Ausstellung im Schwarzen Kloster, von Stephan Berg.
(Prof. Dr. Stephan Berg ist Direktor des Kunstmuseums Bonn)

Ich gebe es gern zu: Die Bilder Wilfrid Perraudin, derzeit in der Städtischen Galerie des Freiburger Schwarzen Klosters zu seinem 75. Geburtstag, machen mich süchtig. Dabei – auch das sei offen gestanden – kann ich nicht einmal ganz genau sagen, woran das liegt. Denn vordergründig sind seine Gemälde aus den Jahren 1952 bis 1987 ganz einfache und auf wenige Themen begrenzte Kompositionen: Landschaften, Mutter-mit-Kind- und Aktdarstellungen. Motive, auf denen das Gewicht einer jahrhunderte alten Maltradition lastet. Aber – und damit kommen wir dem Geheimnis dieser Malerei vielleicht doch auf eine erste Spur – bei Perraudin spürt man davon nichts.

Nehmen wir ein Beispiel: "Weizenfeld in der Provence" heißt eine 1976 entstandene Arbeit. Man liest den Titel und assoziiert sofort das konzentrische Gelb van Goghs, die lichtdurchfluteten Kornfelder der Impressionisten, französische Malerei eben. Angesichts des Bildes selbst bleibt freilich von diesen Vor-Urteilen wenig übrig. Was wir sehen, ist eine aus strengen horizontalen Blöcken zusammengesetzte Farblandschaft, dezidiert gegenständlich und doch eine merkwürdige Abstraktheit ausstrahlend. Alles an diesem Bild ist wuchtig, schwer, kompakt. Das Feld: eine undurchdringliche gelbe Wand; das Gehöft vor den schwarz geduckten Bäumen: ein weißer Farbriegel; und darüber ein massives, graues Rechteck: eine Wolke, wie aus Fels gemeißelt.

Eine rigorose Malerei. Nirgends ein platter Naturalismus, nicht einmal eine Andeutung von Perspektive. Alles ist in der Fläche: horizontal und endgültig. Und das Ganze mit einer Sicherheit realisiert, als gäbe es nur diese eine Möglichkeit. An keiner Stelle ein Strich zu viel, nirgendwo Überfluß, aber auch nie ein zuwenig. Perraudins Bilder, so erkennt man, zeigen die Essenz der Natur: das Konzentrat, das übrig bleibt, wenn das Gesehene auf den wesentlichen Rest "eingekocht" ist.

Aber – und darin besteht vielleicht die größte Leistung des seit 1952 in Freiburg lebenden Franzosen – Perraudin begnügt sich nicht mit dieser Verdichtung. Vielmehr formuliert er seine Motive aus Andalusien, der Bretagne oder dem Kaiserstuhl, über die kompakte Form hinaus, auch immer als Angebote reiner harmonisch leuchtender Farbigkeit. Es ist dieses Leuchten, als tiefes Glühen eines weißen Weges unter gewitterschwerem Himmel, als spachteldick aufgetragenes Wogen eines gelbgrünen Feldes, das die wuchtige Massivität der Formen in einen von innen heraus scheinenden Lichtraum transzendiert. Und es ist vor allem diese Beschwörung eines inneren Lichts, das den ehemaligen Meisterschüler Raoul Dufys schließlich doch mit aller Deutlichkeit in den – oben angedeuteten – französischen Malzusammenhang stellt.